E-Portfolio zur Dissertation

von Klaus Himpsl-Gutermann

E-Portfolios in der universitären Weiterbildung

Studierende im Spannungsfeld von Reflexivem Lernen und Digital Career Identity


Shortcut: http://www.himpsl.at/diss/
veröffentlicht: März 2012

Ziel meiner Dissertation war die Entwicklung, Implementierung und insbesondere die Analyse eines integrativen E-Portfolio-Konzepts für die universitäre Weiterbildung. Als zentrales Forschungsfeld wurde der berufsbe­gleiten­de Master-Lehrgang eEducation an der Donau-Universität Krems ausge­wählt, um im Sinne der Praxisforschung sowohl einen Beitrag zur Studien­gangsentwicklung an der Universität als auch zur Theoriebildung für das Lifelong Learning zu leisten. In einem dreijährigen Aktionsforschungsprojekt wurde ein E-Portfolio auf Studiengangsebene entworfen, implementiert und begleitend in einer Fallstudie evaluiert. Ein wichtiges Ziel dabei war, die „Betroffenen des Projektes“, also vor allem die Studierenden in den Mit­telpunkt zu rücken. Deshalb wurde der Fokus der Forschungsfragen so ausgerichtet, dass der Nutzen und die Bedeutung des E-Portfolios für die Stu­dierenden im Vordergrund standen. Die abschließende Analyse stützte sich deshalb im Wesentlichen auf qualitative Interviews mit Alumni aus zwei Jahrgängen. Neben unmittelbaren Handlungsempfehlungen für die Donau-Universität Krems und andere Hochschulen, die Weiterbildungslehrgänge anbieten, liefert meine Dissertation Beiträge zur Theorie von E-Portfolios in Form von drei Modellen, in denen Strukturen und Prozesse differenziert betrachtet werden:

  1. 4-Phasen-Modell der E-Portfolio-Nutzung in eEducation: Dieses Modell ist unter Anwendung der Grounded-Theory-Methodik als Ergebnis der empirischen Studie entstanden und beschreibt die längerfristige E-Portfolio-Verwendung der Studierenden in den vier Phasen sich orientieren, sich positionieren, sich identifizieren und sich präsentieren (siehe Abbildung rechts).
  2. Modell des prototypischen E-Portfolio-Prozesses in Bereichen formalen Lernens: Ausgehend von den Portfolio-Prozess-Komponenten nach Häcker (2007) wird ein Modell vorgestellt, das die Begriffe „Gestaltung“ und „Feedback“ in den Vordergrund rückt und einen E-Portfolio-Prozess in den zwei Hauptzyklen „Design“ und „Re-Design“ beschreibt (siehe Weitere Ergebnisse (5/5)).
  3. 3-Schichten-Struktur des E-Portfolios: Das Modell besteht aus den drei Schichten „Products of Learning“, „Process of Learning“ und „Representation of Learning“, die man sich übereinander angeordnet vorstellen kann. In einer Umsetzung als Software korrespondieren die drei Schichten mit den Bestandteilen Repository, Journal und Showcase. Das Modell bietet Anknüpfungspunkte zu den einzelnen Schritten des Prozess-Modells und beschreibt insbesondere, wie der eigene Lernprozess von der mittleren Ebene (Journal) aus „beobachtet“, reflektiert und gesteuert werden kann (siehe Weitere Ergebnisse (5/5)).

Im Folgenden wird zunächst anhand der Abbildung rechts das 4-Phasen-Modell im Überblick beschrieben.

Die Auswertung der Alumni-Interviews hat schnell gezeigt, dass die Veränderung die zentrale Kategorie des E-Portfolios im Lehrgang eEducation ist. Das E-Portfolio war für die Studierenden während des Studiums wichtig und ist für die Alumni danach weiterhin bedeutsam, allerdings ergeben sich im Laufe der Zeit starke Veränderungen: Veränderungen in der Portfolionutzung selbst, Veränderungen in Bezug darauf, was als bedeutsam erachtet wird, Veränderungen in der Position dem E-Portfolio gegenüber. Die genauere Analyse mithilfe der Grounded-Theory-Methodik hat vier Schlüsselkategorien ergeben, die gleichzeitig die Überschriften für vier aufeinanderfolgende Phasen darstellen:

  1. sich orientieren
  2. sich positionieren
  3. sich identifizieren
  4. sich präsentieren

Zu diesen Schlüsselkategorien haben sich in den Interviewdaten Hauptcodes herausgebildet, die ausdrücken, was für die Studierenden in der jeweiligen Phase am wichtigsten war. Diese Codes weisen ein durchgängiges Muster auf: Sie lassen sich in zwei Dimensionen einordnen, die jeweils stärker die Innenperspektive (Selbstbezug) oder die Außenperspektive (Umweltbezug) der Lernenden einnehmen, die sich gleichzeitig im bzw. durch das E-Portfolio ausdrückt. Der Selbstbezug spiegelt sich in jedem Phasenbegriff im Reflexivpronomen „sich“ wider – wobei jedes Verb nur dann Sinn macht, wenn es ein Gegenüber, eine „Um-Welt“ gibt. Obwohl durch die Reflexion beim E-Portfolio das eigene Lernen im Zentrum steht, kreisen die Studierenden nicht um sich selbst, sondern richten den Blick auch immer wieder nach außen. Darin zeigt sich nicht nur ein Wesenszug des Portfolios, sondern, worum es in „Bildungsprozessen“ letztlich geht: um Identitätssuche, Identitätsfindung und Identitätsbildung. Was Lenz (2011: 147) „sich lernend wandeln“ nennt, wird im 4-Phasen-Verlauf von eEducationsichtbar, wobei beim E-Portfolio in der universitären Weiterbildung „Digital Identity“ und „Career-Identity“ verschmelzen – das E-Portfolio kann zum Ausdruck der digitalen beruflichen Identität werden.

Die Grafik illustriert den idealtypischen Verlauf entlang der grünen Pfeile sowie mögliche Abweichungen davon in kritischen Phasen der Portfolioarbeit. Zur Beschreibung des Verlaufs gehe ich in drei Schritten vor:

  1. Anhand der Abbildung erkläre ich zunächst den groben Verlauf der Portfolioarbeit in den vier Phasen sowie die Bedeutung der Überschriften in den beiden Dimensionen „innen“ und „außen“. Dieser Teil hat eher deskriptiven Charakter.
  2. Die Tabelle liefert anschließend einen genaueren Überblick zu den vier Phasen, wobei Probleme, erfolgskritische Faktoren sowie Strategien der Lernenden aufgelistet werden.
  3. In der Dissertation werden zu jeder Phase Details in einem eigenen Unterkapitel näher ausgeführt und mit Belegen aus den Interviews versehen. Dieser Teil liefert durch die „dichte“ Beschreibung eine genauere Analyse möglicherweise auftretender Probleme sowie der Strategien, Handlungen und Bedeutungszuweisungen der Studierenden und bietet Empfehlungen für Lehrende bzw. Verantwortliche in Bildungsinstitutionen, insbesondere in der universitären Weiterbildung.

Zunächst verfolgen wir den idealtypischen Verlauf entlang der grünen Pfeile. Zu Beginn des Studiums gilt es zunächst, sich zu orientieren, die Gruppe kennenzulernen und sich in der Lernumgebung zurechtzufinden (Außenperspektive). Hier finden demnach wichtige Sozialisationsprozesse statt. In der Portfolioarbeit stehen grundsätzliche Fragen der Portfoliogestaltung und Softwarebedienung im Vordergrund (Innenperspektive). Sind diese gelöst, kann im Übergang zu Phase 2 eine kritische Auseinandersetzung mit dem Portfoliokonzept erfolgen. Dabei treten nach und nach bekannte Portfoliodilemmata zu Tage: Wie gehe ich mit der Reflexion um (Selbstbezug), insbesondere wenn mein Portfolio als Prüfungsleistung im Studium benotet wird (Umweltbezug)? Wie genau sind die Beurteilungskriterien, wie viel kreativer Freiraum ist möglich? Wie wird die Peer-Review geregelt? In dieser Phase geht es darum, sich zu positionieren; einerseits dem Portfolio gegenüber (Selbstbezug), andererseits in der Lerngruppe und gegenüber der Authority (Umweltbezug). Sie ist gleichzeitig die kritischste Phase innerhalb des gesamten Portfolioprozesses, die wesentlich darüber entscheidet, ob sich die Lernenden beim Übergang in Phase 3 mit ihrem Portfolio und der Methode identifizieren können. Neben einem routinierten Umgang mit dem eigenen Portfolio und der Erkenntnis, welchen Wert das E-Portfolio für das eigene Lernen haben kann (Innensicht), zeigt sich dies vor allem darin, dass ein Transfer in die berufliche Praxis vorgenommen wird (Außendarstellung). Die Studierenden vollziehen einen Perspektivenwechsel zur Authority, entwickeln selbst Ideen für einen E-Portfolio-Einsatz und setzen diese nach und nach um. Diese dritte Phase scheint auch kritisch darüber zu entscheiden, ob das E-Portfolio nach Ende des Studiums weiterverwendet wird. Nach dem Studienabschluss dient das Portfolio hauptsächlich dafür, sich zu präsentieren, und zwar in zweierlei Wortsinn: Sich über das Portfolio anderen präsentieren (Außendarstellung) und sich selbst das Portfolio präsentieren, um aus dem Geleisteten neue Motivation zu schöpfen (Innenperspektive). Daneben wird das Portfolio als persönliches Lernarchiv geschätzt und immer wieder auf Teile davon zurück gegriffen. Das E-Portfolio wird aktiv selbst weiter geführt, wenn sich ein konkreter Anlass in neuen Lerngemeinschaften findet.

Der eben skizzierte Verlauf stellt einen Idealtypus dar – entlang der roten Pfeile im Diagramm kann aber auch der kritische Verlauf in der Portfolioarbeit nachvollzogen werden. Tauchen während des Studiums Probleme auf, so werden diese insofern schnell sichtbar, als der Zugriff auf die Portfolioansichten zu den laufenden Modulen ausbleibt und Abgabetermine versäumt werden. Die fehlenden Portfolios müssen nachgearbeitet werden – erfolgt dies schnell, kann unmittelbar die Rückkehr in die „Erfolgsspur“ gelingen. Häufen sich die Versäumnisse, so steigt der Druck auf die Studierenden, weil neue Module hinzukommen. Die Arbeitsbelastung nimmt zu. Gleichzeitig treten die Betroffenen zumeist den Rückzug an, sowohl innerhalb der Lerngruppe als auch gegenüber der Lehrgangsleitung. Nehmen die nachzuholenden Module überhand, so kann der dauerhaft hohe Workload zur Überlastung und Überforderung führen. In manchen Fällen gelingt durch extremen Einsatz noch einmal die Rückkehr in den geplanten Studienablauf, meist bleibt aber nur der Weg, das Studium für eine gewisse Zeit zu unterbrechen oder ganz abzubrechen. Dass dies bereits zu Beginn in der Orientierungsphase eintritt und das Studium nach wenigen Monaten wieder abgebrochen werden muss, ist in eEducation selten der Fall. Meinen Beobachtungen nach scheint mir Phase 2 die kritischere zu sein. Wenn es nicht gelingt, sich dem Portfolio gegenüber richtig zu positionieren, also einen eigenen Weg mit der Selbstreflexion zu finden und gleichzeitig mit der Fremdbeurteilung zurechtzukommen, besteht die Gefahr, dass das Portfolio zur reinen Pflichterfüllung wird. In den Ansichten äußert sich dies in mehreren Aspekten: Die Auswahl der Artefakte beschränkt sich auf das geforderte Minimum, die Reflexionen beziehen sich eher auf den Lehrkontext als auf den eigenen Lernprozess und statt kreativer Gestaltung gleichen sich die Ansichten immer mehr an. In diesem Fall ist es unwahrscheinlich, dass ein Transfer der Portfoliomethode in die eigene berufliche Praxis stattfindet, und die Portfolionutzung endet zumeist mit dem letzten Pflichtmodul, das für das Studium absolviert werden muss.

Der 4-Phasen-Verlauf der E-Portfolio-Nutzung in eEducation im Überblick (idealtypischer Verlauf und Abweichungen)
Der 4-Phasen-Verlauf der E-Portfolio-Nutzung in eEducation im Überblick (idealtypischer Verlauf und Abweichungen)
	Probleme (P), erfolgskritische Faktoren (E) und Strategien der Lernenden (S) im 4-Phasen-Modell der E-Portfolio-Nutzung in eEducation
Probleme (P), erfolgskritische Faktoren (E) und Strategien der Lernenden (S) im 4-Phasen-Modell der E-Portfolio-Nutzung in eEducation

Die Tabelle liefert weitere Details zum E-Portfolio-Verlauf in den vier Phasen. In den Spalten werden links die Schlüsselkategorien mit Bezug auf die Innenperspektive, rechts mit Bezug auf die Außenperspektive aufgelistet. Die mittlere Spalte beschreibt die wichtigsten Punkte für den Kontext der Handlungen und Strategien der Lernenden in der jeweiligen Phase. Dabei wird entsprechend der Ergebnisse der Interviewkodierung in aufgetretene Probleme (P), erfolgskritische Faktoren (E) sowie Handlungsstrategien der Studierenden (S) unterschieden. Die aufgelisteten Stichworte liefern gleichzeitig erste Hinweise, welchen Bereichen bei einer geplanten Implementierung besondere Aufmerksamkeit zu schenken ist. Diese werden in den folgenden Unterkapiteln detailliert ausgeführt. Die Ergänzung „Konnex“ in der Spaltenüberschrift soll darauf verweisen, dass die meisten der unter (P), (E) und (S) genannten Punkte Interdependenzen zwischen der Innen- und Außensicht aufzeigen. Die detaillierte Beschreibung mit Belegen aus der empirischen Untersuchung findet sich in Kapitel 7 der Thesis.

„Mh, also ich kann sicher nur sagen, also Portfolios oder E-Portfolios, ja, waren für mich schon die einschneidendste Erfahrung, die ich gemacht habe, vor allem auch, weil ich vorher das schon eben nutzen musste, Portfolio, und mir eigentlich, wie soll ich sagen, so das Gefühl gehabt habe oder vermittelt bekommen habe auch von Kollegen und Kolleginnen, ja, das ist halt irgendwie so eine Pflichtübung, die wir machen müssen, aber keinen interessiert's eigentlich wirklich, ja, oder was steckt da dahinter, das war für mich so ein absolutes Aha-Erlebnis, wie ich dann gesehen hab in der Literatur, was es da einfach alles dazu gibt, was sich Leute überlegt haben, was pffhh, das war ein Wahnsinn.“
„Und darüber hinaus kommt dann halt noch mal diese zusätzliche Investition in die Erstellung des entsprechenden Portfolios. Es erscheint zumindest als zusätzliche Investition erst mal. Und möglicherweise werden viele auch in der Rückschau erst erkennen, dass diese Investition sich tatsächlich lohnt oder gelohnt hat. Ob das immer am Anfang gleich so ist, weiß ich nicht, ich war am Anfang ein bisschen skeptisch. Beziehungsweise ich kannte ja vorher diese Methode E-Portfolio gar nicht, und es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich tatsächlich damit identifizieren konnte, und ehe ich mich dann tatsächlich auch, ja, sie mit zunehmender Lust dann tatsächlich auch angewandt habe.“
„Das ist etwas, was mich jetzt auch noch immer beschäftigt, also, wenn man einsetzt, sozusagen jetzt ein, wenn man das als Werkzeug bezeichnet, so ein Lerntagebuch, inwieweit das dann wirklich ehrlich, sag ich jetzt mal, ehrlich ist und inwieweit da nicht ständig sozusagen eine Art Monitor mitläuft, [...] Aber es mag sein, dass das auch ein Grund ist, warum ahhm, und dass das vielleicht auch sogar innerhalb des, des oder während des Studiums so war, zu überlegen, naja, was kann ich wirklich jetzt reinschreiben, wenn das jetzt so Dinge sind, die, wo halt etwas einmal nicht funktioniert, oder wo es wirklich ein Problem gibt, ja, geb ich das rein oder geb ich das nicht rein, inwieweit will ich mich da outen als jemand, der, der da halt eine Schwierigkeit hat oder inwieweit will ich nicht.“
„Jeder macht das wahrscheinlich auch anders, und vielleicht sollte man das auch genau zulassen. Der eine ist ein Minimalist, und bringt das halt irrsinnig auf den Punkt, der andere macht vielleicht ausschweifende Tagebucheinträge oder Reflexionen. Ich würde echt sagen, das soll ein jeder so gestalten, weil dann hast du nachher auch eine Freude damit. Weil ansonsten ist das, ja, das muss ich machen, und da hab ich den Punkt wieder abgehakt, und den, dann den [kurze Pause]. Ja, meiner Meinung nach zu viel Einschränkung, und zu viel, dass man sich selbst dann wiederum ausbremst und zu viele Kriterien hat, und vielleicht wieder mit fünf Unterpunkten, wie das jetzt zu geschehen haben soll.“

 

Weiterbildung, Identität, Lernkultur, Assessment, Reflexion, Higher Education, Blended Learning, ePortfolio, E-Portfolio, Dissertation

Feedback

Evelyn Dechant-Tucheslau

Das 4-Phasen-Modell kann ich aus dem Schulkontext heraus nur unterstreichen. Ich habe sehr ähnliche Erfahrungen gemacht, auch was die "Gefahren" betrifft. Das ist ein Modell, das sicher in der Lehrer/innenfortbildung sehr nützlich sein kann.

LG,

Evelyn

Reinhard Bauer - 21. August 2012, 18:28 [Aktualisiert: 21. August 2012, 21:28]

Ich kann mich Evelyn nur anschließen!!! Lächelnd

LG, Reinhard

Uschi Fleischmann - 03. September 2012, 20:51 [Aktualisiert: 04. September 2012, 08:22]

ich schreibe gerade eine Seminararbeit zum Thema "E-Portfolio- Individuelle Leseprozesse unterstützen und begleiten" und erkläre die Arbeit der SchülerInnen im Projekt anhand deines Modells. Ein schönes und tolles Gefühl dich hier zu zitieren :-).

LG Uschi