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Beschreibung des Prozess-Modells

Die Grafik oben zeigt - ausgehend von Häckers (2007:145) Prozesskomponenten - ein Modell eines prototypischen Portfolio-Prozesses, das auf den Einsatz von E-Portfolios in Bereichen formalen Lernens beschränkt wird. Gemeint ist damit zunächst der Einsatz in Bildungsinstitutionen. Denkbar ist aber auch, dass das „Formale Setting“ weiter interpretiert wird. Es könnte auch auf Anerkennungsverfahren oder den Einsatz in Unternehmen (beispielsweise in Verbindung mit Skill-Gap-Analysen) ausgedehnt werden. Deshalb werden in der folgenden Beschreibung die Begriffe Authority für Lehrende, Prüfer/innen oder Vorgesetzte auf Seiten der Institution sowie Peers für gleichgestellte innerhalb einer Gruppe (Lernende, Bewerber/innen, Mitarbeiter/innen) verwendet. Das neue Modell ist für den E-Portfolio-Einsatz in Blended-Learning-Arrangements sowie reinen Online-Settings gleichermaßen geeignet und kann auch auf papierbasierte Portfolioarbeit angewandt werden.

Die Context Definition als Ausgangspunkt der Portfolioarbeit wurde beibehalten, ihr gegenüber gestellt wurde Final Submission als formaler Abschluss. Dies bedeutet, dass zu einem bestimmten, durch die Authority definierten Zeitpunkt, die Portfolioansicht endgültig fertiggestellt sein muss. Das Portfolio wird abgegeben und in der Regel einem Assessment unterzogen. „Abgabe“ bedeutet Zugriff erteilen oder ein Duplikat erstellen, falls das Portfolio zu Prüfungszwecken längerfristig von der Bildungsinstitution archiviert werden muss. Wird das Portfolio nicht zum Erreichen einer formalen Anerkennung eingesetzt, kann der Begriff mit „endgültiger Fertigstellung“ gleichgesetzt werden. Feedback ist der dritte dunkel unterlegte Begriff – dunkel unterlegt sind diejenigen Aktivitäten, an denen die Authority unmittelbar beteiligt ist, oder auch die Peers, falls in Gruppen gearbeitet wird. Die große Bedeutung von Zwischenfeedback im Sinne eines formativen Assessment für die Qualität von Lernergebnissen und die weitere Motivation der Lernenden ist in der Pädagogik unumstritten. Auch bei der E-Portfolio-Einführung in eEducation wurde das kritisch-konstruktive Zwischenfeedback an definierten Zeitpunkten zu einzelnen Artefakten und zum Portfolio insgesamt als äußerst hilfreich und motivierend eingestuft bzw. umgekehrt bei Modulen mit fehlendem Feedback stark kritisiert. Das Zwischenfeedback durch die Authority kann auch durch ein Peer-Review-Verfahren ersetzt oder mit einem solchen gekoppelt werden. Jedenfalls sollte dies so erfolgen, dass anschließend noch eine Überarbeitung und Verbesserung der Portfolioansicht möglich ist. Um die große Bedeutung eines Zwischenfeedbacks hervorzuheben, habe ich mich deshalb dazu entschlossen, in der Darstellung den Portfoliokreis aufzubrechen und in zwei Teilzyklen zu zerlegen, die nacheinander oder auch verzahnt ablaufen können. Dabei dient der erste Teilzyklus auch dem DESIGN des Portfolios, das nach dem Feedback einem RE-DESIGN unterzogen wird. Prototypisch würde der Portfolioprozess also folgendermaßen ablaufen:

  1. Nach der Context Definition sammeln die Lernenden Artefakte (Col­lection), reflektieren begleitend ihren Lernprozess (Reflection) und wählen bereits einzelne Artefakte aus, die sie mit Begründung in das Port­folio einbetten (Selection). Gleichzeitig werden Entscheidungen für die Gestaltung des Portfolios und die Anordnung der Artefakte getroffen (DESIGN).
  2. Die Lernenden ermöglichen den Peers und der Authority Zugriff auf das Portfolio und erhalten Feedback zu ihren Arbeiten.
  3. Das Feedback hilft den Lernenden, die nächsten Schritte zu planen (Projection). Sie nehmen die Rückmeldungen auf und bewerten ihrer Lernergebnisse selbst (Evaluation). Außerdem werden Artefakte überarbeitet, aus dem Portfolio entfernt oder neu angeordnet, das heißt, das E-Portfolio wird einem RE-DESIGN unterzogen, zu dem auch eine Änderung der Gestaltung des E-Portfolios selbst gehören kann. Gegebenen­falls greifen sie wieder auf Schritte aus dem ersten Zyklus zurück, indem reflektierende Kommentare ergänzt sowie weitere Artefakte gesammelt und für das Portfolio ausgewählt werden. Vor der Abschlusspräsentation (Presentation) wird außerdem ein wertendes Fazit eingefügt (Evalua­tion) und das Portfolio zur summativen Abschlussbewertung durch die Authority eingereicht (Final Submission).

Insbesondere beim Ersteinstieg in die Portfolioarbeit ist die Gestaltung des E-Portfolios selbst ein wichtiger Punkt, um den sich alles „dreht“ – deshalb wurde der Begriff DESIGN in die Mitte gesetzt. Entsprechend der englischen Schreibweise der anderen Begriffe wurde nicht das laut Interviewanalyse vorgeschlagene Wort „Gestaltung“ verwendet. Die genauere Analyse hat gezeigt, dass mit dem Begriff Gestaltung neben der Änderung von Farben, Schriften und Formen auch die Anordnung der Artefakte gemeint ist, was im Englischen die Entsprechung „Layout“ oder „Arrangement“ hätte. Konsequenterweise müssten beide Begriffe aufgenommen werden, was die Grafik unnötig kompliziert werden ließe – das Modell ist so zu verstehen, dass mit DESIGN (Gestaltung) auch Arrangement (Anordnung) gemeint ist.

Bei der Reihenfolge der Aktivitäten in den beiden Teilzyklen habe ich Collection an den Beginn und Presentation an den Schluss gesetzt, die Anordnung der jeweiligen beiden anderen Begriffe ist grundsätzlich beliebig. Bei der von mir gewählten Darstellung ergibt sich der zusätzliche Vorteil, dass die Bedeutung der Orientierung des Portfolios (Produktorientierung/Prozessorientierung) ebenfalls im Modell sichtbar wird: Selection und Evaluation beschäftigen sich mit der Auswahl und Bewertung von Artefakten, betonen also eher den Produktcharakter, während Reflection und Projection den Lernverlauf im Blick haben und somit für den Prozesscharakter stehen.

Die Hintergrundgrafik, die optisch an eine doppelte Sanduhr erinnert, hat eine übertragene Bedeutung: An den breiten Stellen der „Sanduhr“, also in den Phasen Context Definition, Feedback und Final Submission, ist die Beteiligung der Authority an der individuellen Portfolioarbeit des Lernenden am stärksten, sei es durch Anleitungen, Richtlinien, Lehr-/Lernmaterialien, Betreuung, Rückmeldungen und Assessment. Umgekehrt deuten die trichterförmig verengten Punkte im Zentrum von DESIGN und RE-DESIGN diejenigen Bereiche an, in denen die Lernenden mit ihrer Konzentration bei sich und der Gestaltung ihres Portfolios sind und weitgehende Autonomie genießen (sollen). Collection stellt einen Übergangsbereich dar, weil in Form von Gruppenarbeiten in dieser Phase die Peers noch beteiligt sein können, bei Reflection und Selection sind die Lernenden dann wieder auf sich allein gestellt. Erst durch das Feedback, das auf Wunsch der Lernenden oder zu definierten Zeitpunkten abgegeben wird, mischt sich „das Außen“, also die Authority und eventuell auch die Peers, wieder in den Portfolioprozess ein. Unabhängig von der Detailplanung der didaktischen Integration des Portfolios in den Unterricht kann dieser Wechsel zwischen Annäherung und Entfernung, zwischen „Scaffolding“ und „Fading“, wie es im Modell des Cog­nitive Apprenticeship genannt wird, als günstiges Grundprinzip für die Portfoliobegleitung angesehen werden.

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