Im Blickfeld von Klaus Himpsl-Gutermann: Mein Weblog : Rückblick zum Writers' Workshop im LLL-Kolleg

Rückblick zum Writers' Workshop im LLL-Kolleg

EuroPLoP 2010 KonferenzIch kann mich noch gut erinnern, wie mein Kollege Reinhard Bauer letzten Sommer beinahe euphorisiert von der EuroPLoP 2010-Konferenz zurück gekehrt ist. Das hatte damals zwei Gründe: zum einen hatte Reinhard seine Überlegungen zu didaktischen Entwurfsmustern zum ersten Mal in der Design Pattern Community präsentiert und ist auf sehr positive Resonanz gestoßen. Zum anderen war er absolut begeistert vom Konferenzformat, das völlig anders gestaltet ist als sonst üblich.

Vergleich der Konferenzformate

Das klassische Format sieht - in den meisten Fällen - in etwa so aus:

  1. Wissenschaftler/in reicht Paper ein
  2. Reviewer (meistens zwei) geben Wertung ab, üblich sind vier Kategorien: abgelehnt - zugelassen mit größeren Änderungen - zugelassen mit kleineren Änderungen - angenommen
  3. Wissenschaftler/in überarbeitet gegebenenfalls und gibt fertiges Paper ab
  4. Wissenschaftler/in präsentiert den Inhalt des Papers in einem Konferenzvortrag
  5. anwesende Community gibt spontanes, kurzes Feedback, Vortrag wird kurz diskutiert
  6. Paper erscheint im Konferenzband, allerdings in der Form, wie in Schritt 3. abgegeben

Workshop Setting: Fly on the WallDie Pattern Community - allen voran R. P. Gabriel - hat für die PLoP-Konferenzen ein ganz anderes Vorgehen entwickelt:

  1. Wissenschaftler/in (Sheep) meldet ein Paper an
  2. EuroPLoP teilt einen Shepherd zu, d.h. einen erfahrenen Experten bzw. eine erfahrene Expertin aus der Community, der bzw. die während des Verfassens des Papers bereits unterstützt
  3. Mehrere Sheeps, deren überarbeitetes Paper akzeptiert wurde, werden zu einer Gruppe zusammen gefasst und erhalten bereits VOR der Konferenz die Artikel der anderen, die bis zur Konferenz gelesen werden müssen
  4. Auf der Konferenz selbst findet in der Gruppe ein moderierter Writers' Workshop statt, bei dem nacheinander die einzelnen Artikel nach vorgegebenen Regeln - ich würde sogar sagen ritualisiert - besprochen werden. Während das eigene Papier von den anderen diskutiert wird, ist der Autor/die Autorin eine so genannte Fly on the wall, d.h. sitzt mit dem Rücken zur Runde und hört zu (siehe Foto).
  5. Nach der Konferenz entscheidet das Schaf, welche Teile des Feedbacks aufgenommen werden und überarbeitet den Artikel noch einmal für den Konferenzband.

Hauptziel und -vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Die Qualität der wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der Community soll gesteigert werden, wobei die jeweilige Fachdisziplin insgesamt und insbesondere noch nicht so erfahrene Nachwuchswissenschaftler/innen gefördert werden. Voraussetzung für das Gelingen ist eine in dieser Community offensichtlich weit verbreitete Gift Culture, also die Bereitschaft, die eigene Person, die eigenen Ansprüche etwas zurück zu stellen und den anderen etwas vom eigenen Know-How zu schenken.

Übertragung der Idee auf das Kolleg

Reinhard hatte in seiner postkonferenzalen Begeisterung die geniale Idee, dieses Verfahren für unser Doktoranden-/Doktorandinnenkolleg zu adaptieren. Gabi Reinmann, die an der Universität der Bundeswehr München ein Promotionsstudium anbietet und betreut, war ebenfalls gleich Feuer und Flamme. Entstanden ist ein Konzept, das in einer Forschungsnotiz beschrieben ist und in beiden Kollegs erprobt werden sollte.

von links nach rechts: Peter Baumgartner (Betreuer), Stefanie Egger, Klaus Himpsl-Gutermann, Marianne Ullmann, Reinhard Bauer (Initiator), Ruth Gutermann (Evaluatorin), Erich Herber, Uwe Spangler
von links nach rechts: Peter Baumgartner (Betreuer), Stefanie Egger, Klaus Himpsl-Gutermann, Marianne Ullmann, Reinhard Bauer (Initiator), Ruth Gutermann (Evaluatorin), Erich Herber, Uwe Spangler

Die erste Runde in München hat bereits im Oktober 2010 stattgefunden, vorigen Donnerstag war es auch bei uns in Wien/Krems so weit! Das LLL-Kolleg hat insgesamt eine sehr große Teilnehmer/innenzahl, so dass wir uns in Absprache mit den verantwortlichen Professoren entschieden haben, den ersten Testlauf in kleinerer Runde von sechs Dissertanten/Dissertantinnen - unterstützt von Peter Baumgartner - zu machen: mit dabei als Autoren/Autorinnen waren Stefanie Egger, Marianne Ullmann, Erich Herber, Uwe Spangler, Reinhard Bauer und ich. Die Vorbereitung und Organisation hat Reinhard übernommen, dem hier zunächst ein Riesen-Dankeschön und -Kompliment gebührt - es war perfekt!

Mein persönlicher Erfahrungsbericht

Ohne der "offiziellen" Abschlussevaluation der beiden Workshops vorgreifen zu wollen, hier ein erster kurzer, ganz persönlicher Erfahrungsbericht von mir. Die Conclusio ist einfach: der gesamte Workshop war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich, und ich bin sehr froh, dabei gewesen zu sein! Oder wie Uwe es in einem Tweet genial ausgedrückt hat: Supergosh!! (Gosh ist der in der Pattern-Community vereinbarte Ausdruck, wenn ich einer anderen Meinung meine Zustimmung gebe!). Dementsprechend sehe ich überwiegend Vorteile:

  1. der Termindruck: Was zunächst paradox klingen mag, aber die verpflichtenden Abgabetermine VOR dem Kolleg sind für mich in der Tat ein doppelter Vorteil: im Tagesgeschäft wird die Diss oft hintangestellt und vieles hat Entwurfscharakter, nun war ich gezwungen, wenigstens einen Teil "weitergabewürdig" fertig zu stellen.
  2. das Shepherding: mein Shepherd war Mark Buzinkay, der seine Aufgabe hervorragend gelöst hat: super schnell, motivierend, aber auch kritisch, so dass ich nach seinen Rückmeldungen schon Kleinigkeiten überarbeiten konnte und jetzt auch für die Nachphase noch Tipps von ihm umsetzen werde. Mark kenne ich seit 2007, als er im PhD-Programm des IMB (in Kooperation mit der Leeds Met University) bei meiner (ersten und deshalb bestimmt noch nicht so ausgereiften!) E-Portfolio-Einführung dabei war. Inzwischen haben wir einiges miteinander gemacht und es hat sich eine Freundschaft entwickelt, so dass für mich sofort klar war, Mark ist mein idealer Shepherd: er kennt meine Arbeit am IMB und das Vorhaben meiner Dissertation sehr genau, er hat das nötige Know-How sowohl fachlich als auch forschungsmethodisch und - das Wichtigste -  er genießt mein vollstes Vertrauen.
  3. das Lesen der Beiträge der anderen: sich ein differenziertes, konstruktives Feedback für die Kolleginnen und Kollegen zu überlegen, ist zwar sehr anspruchsvoll, aber dadurch auch eine gute "Schulung". Zu sehen, wie andere die Aufgabe - in verschiedenen Stadien der Dissertationen - angehen, war sehr spannend und hat mir auch einiges gebracht, was ich sogar unmittelbar für meine Diss verwenden kann, so z.B. einzelne Literaturverweise.
  4. das Dasein als Fly on the Wall: das ist natürlich die spannendste Phase überhaupt! Ich hatte einen zentralen Abschnitt meiner Dissertation für den Workshop ausgewählt - nämlich die Hinführung zu den Forschungsfragen und deren Explikation. Und auch wenn ich von Mark schon eine grundsätzliche positive Rückmeldung bekommen hatte, so war es doch sehr wohltuend und motivierend, dass sechs weitere Expertinnen und Experten (inclusive Doktorvater!) den Abschnitt sehr gelungen einschätzten. Die Kritikpunkte, die zu Inhalt und Sprache geäußert wurden, konnte ich recht gut nachvollziehen. Natürlich juckt es an manchen Stellen, sich in die Diskussion einschalten zu wollen, aber da bewährt sich das Ritual der Fly on the Wall in meinen Augen voll und ganz: ich bin gezwungen, mich jetzt zurück zu halten und nicht gleich in eine Verteidigungsrolle zu fallen, sondern die Punkte vorerst nur aufzunehmen, später noch einmal darüber nachzudenken oder sie vielleicht auch zu diskutieren und dann in aller Ruhe zu entscheiden, wie ich damit umgehe.
  5. Die Diskussion in der Runde: es war überwiegend so, dass die anderen ähnliche Punkte geäußert haben, die ich für mich allein auch so festgestellt habe (Gosh!), aber manchmal auch kontrovers diskutiert wurde. Am erstaunlichsten aber war, dass sich plötzlich im Gespräch auch völlig neue Aspekte ergeben haben, die sich wahrscheinlich niemand in der Runde vorher so notiert hatte!
  6. Die Förderung des Teamgeists: obwohl wir im Kolleg ohnehin einen recht kollegialen Umgang pflegen, so werkeln wir doch sehr viel allein vor uns hin. Der Workshop hat nach meinem Empfinden unsere Gruppe schon ein Stück weit zusammen geschweißt und eine "Gift Culture" spürbar werden lassen Lächelnd

Einziger Nachteil aus meiner Sicht: Wir mussten aus organisatorischen Gründen die Zeit pro Runde etwas reduzieren. So musste bei manchen spannenden Diskussionen mit Blick auf die Uhr abgebrochen werden. Und ich hatte den Eindruck, dass dadurch vor allem die kritischen Punkte etwas zu kurz kamen, da wir - dem Grundkonzept folgend - mit den positiven Aspekten begonnen haben. Aber diesen Umstand können wir ja beim nächsten Writers' Workshop berücksichtigen, der wahrscheinlich schon im Juni im LLL-Kolleg stattfinden wird!

Darüber hinaus werden wir in meinem Fachbereich aufgrund der positiven Erfahrungen Überlegungen anstellen, ob und wie das Konzept auf unsere Master-Lehrgänge übertragbar ist.

Zum Abschluss noch eine Zusammenstellung anderer Berichte aus den beiden Workshops (zumindest, so weit ich sie auf dem Schirm habe!): Gabi Reinmann und Peter Baumgartner (als Leiter/in), Alexander Florian (als Beobachter), und als Teilnehmer/innen Reinhard Bauer, Tamara Bianco, Jan-Mathis Schnurr, Silvia Sippel, Uwe Spangler, Tamara Specht, Markus Steidle, Frank Vohle,

(Fotos: Reinhard Bauer)

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diss, kolleg, lll, writersworkshop
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von links nach rechts: Peter Baumgartner (Betreuer), Stefanie Egger, Klaus Himpsl-Gutermann, Marianne Ullmann, Reinhard Bauer (Initiator), Ruth Gutermann (Evaluatorin), Erich Herber, Uwe Spangler
Veröffentlicht von Klaus Himpsl-Gutermann am 23. Januar 2011, 11:23

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jayson
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